Juliana Keppler

Freie Journalistin

Reportage: Der Frauenbuchladen Lillemor ‘s

Es regnet leicht. Der Frauenbuchladen Lillemor’s liegt in der Barerstraße. Die weiß-rote Leuchtreklame am Haus Nummer 70 wirkt eher unscheinbar. Die Straßenbahn Nummer 28 rattert vorbei, gefolgt von einer Ampelfüllung Autos. Es riecht nach Abgasen. Im Schaufenster fallen mir Bücher zur Frauenspiritualität auf. Es geht um Göttinnen, Selbstbehauptung und Frauengesundheit. Ich trete durch die Ladentür in den hell erleuchteten Raum. Er hat eine sehr angenehme Atmosphäre. Weiße Regale mit vielen bunten Bucheinbänden reichen bis unter die Decke. Im hinteren Teil des Ladens steht eine weiße Couch, die Kundinnen zum Lesen einlädt.
Andrea Gollbach, eine große Frau mit grau-melierten, kurzen, dunklen Haaren begrüßt mich eher distanziert. Sie führt den Laden zusammen mit Ursula Neubauer. Mit einer Tasse Kaffee setzen wir uns einander gegenüber an die Verkaufstheke.
Die Sechsundfünfzigjährige arbeitet seit 1982 im Frauenbuchladen. Sie ist auch heute noch eine frauenbewegte Frau, wie sie sich beschreibt. Ihr Ziel: „Frauenarbeit und Frauendenken sichtbar zu machen“. Der Laden als Ort der Frauenkultur.
Mancher mag sich fragen: Eine Buchhandlung für Frauen? Braucht es so etwas heute noch? Die beiden Geschäftsführerinnen Andrea Gollbach und Ursula Neubauer bejahen das vehement: „Lillemor’s Frauenbuchladen war und ist eine bewusste Antwort auf das öffentliche Verschweigen weiblicher Lebenswirklichkeiten in Literatur, Kunst und Medien. Frauen sind weltweit die Mehrheit der Bevölkerung. Solange unsere Gleichheit nicht verwirklicht ist, braucht es Feministinnen und auch Frauenbuchläden.“
Das Bücherangebot der Buchhandlung reicht von feministischer Literatur, über Sachbücher zu Frauenthemen und wissenschaftlicher Literatur, bis hin zu allen Fächern und Themen. Bücher von kleinen Verlagen, die frauenspezifisch veröffentlichen, sind auch auf Lager. Die Inhaberinnen des Frauenbuchladens gehen mit der Zeit: Im Onlinekatalog auf der Internetseite www.frauenliteratur.de sind die Bücher nach Themengebieten leicht zu finden.
Für lesbische Frauen gibt es einen eigenen Buch- und Filmmarkt. So führt der Laden auch Bücher lesbischer Autorinnen oder (Liebes-)Romane mit lesbischen Protagonistinnen. Es gibt Biografien über lesbische Frauen sowie Comics und Krimis mit lesbischen Kommissarinnen oder Detektivinnen.
Bei Lillemor’s verkauft sich allgemeine Belletristik am besten, gefolgt von spiritueller Literatur. Am dritthäufigsten werden Romane mit lesbischen Themen gekauft. Der Online-Verkauf macht zehn Prozent des Umsatzes aus.
Früher hatte Lesbische Literatur einen emanzipatorischen Anspruch. Den hat sie laut Gollbach
inzwischen fast verloren. „Die politische Diskussion um den diskriminierenden gesellschaftlichen Aspekt ist heute kaum mehr da.“ Lesbische Literatur bestehe heute hauptsächlich aus Romanen und Krimis. Also „zu großen Teilen aus Unterhaltungsliteratur ,auf Lesbisch’“, meint Gollbach. Nur Antje Rovic Strubel ist, nach Andrea Gollbachs Ansicht, eine der wenigen Literatinnen unter den lesbischen Autorinnen. „Die Erste, die aus der Lesbenliteratur-Nische ausgebrochen ist um auch für Heterosexuelle zu schreiben. Strubel vertritt einen gesellschaftspolitischen Anspruch in ihren Werken“, sagt Gollbach.
Die Käuferinnenschichten sind über die Jahre im Laden gleich geblieben. Etwa die Hälfte sind Kundinnen, die über ihre weibliche Rolle in der Gesellschaft kritisch nachdenken. Die andere Hälfte wohnt in der Gegend und nutzt den Buchladen als Stadtteilbuchhandlung. Ein Teil sind Frauen aus der spirituell-esoterischen Ecke. „Es kommen nicht so viele junge Frauen als Kundinnen nach wie ich mir wünschen würde.“ Denn die Gedankenkette, nach Frauenliteratur speziell im Frauenbuchladen zu suchen, ist bei nicht-frauenbewegten Frauen kaum vorhanden.“ Die Buchhändlerinnen hätten sich bemüht, dagegen anzugehen. Anzeigen in Medien, welche die Frauenbewegung nicht aktiv unterstützen, brächten aber keine Resonanz. Das mache sie auch einigermaßen hilflos.
Über zwei Jahrzehnte lang war der Frauenbuchladen tatsächlich ein reiner Frauenort: Männer durften ihn nicht betreten. Seit 1998 ist das nicht mehr so. Heute sind auch einige Männer Kunden. Nur wenn es um Beratungsgespräche zu sensiblen Themen wie zum Beispiel sexuelle Orientierung geht, werden Männer gebeten, den Laden zu verlassen.
Lillemor’s widmet sich nicht nur der Literatur sondern auch der Kunst. Eine kleine Galerie gehört zum Laden. Es gibt wechselnde Ausstellungen. Dabei kann es sich um Botanik-Fotografie, alles über Steine oder aber Abstraktes handeln. Die Künstlerinnen kommen mittlerweile selber auf die Geschäftsführerinnen zu. Ursula Neubauer legt bei der Auswahl der Exponate großen Wert auf Qualität. Es darf nicht jede Hobby-Malerin ausstellen.
Es regnet noch immer, als ich den Laden verlasse. Ein Besuch an diesem besonderen Ort lohnt sich. Für alle Frauen.


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