Juliana Keppler

Freie Journalistin

Porträt: Ilona Scheidle macht lesbisch-schwule Geschichte sichtbar

Ilona Scheidle strahlt. Sie hält eine DVD-Hülle in der Hand. „Das Filmmaterial auf den vhs-Kassetten war schon am Zerbröseln. Aber ich hatte durch die Projektmittel das Geld und konnte es digitalisieren lassen.“ So hat sie ein wichtiges Zeugnis lesbischer Musikgeschichte gerettet: Einen Film über eine lesbische Band aus dem Rhein-Neckar-Raum.

Die achtundvierzigjährige Scheidle ist Historikern. Seit zwanzig Jahren forscht sie zur Frauengeschichte. Die kleine Frau mit dem runden Gesicht und den schulterlangen grauen Haaren sammelt, bewahrt, vor allem aber baut sie auf: 2011 hat Scheidle die lesbisch-schwule Geschichtswerkstatt im CSD-Verein Rhein-Neckar gegründet. Sie ist die Geschichtswerkstatt quasi in persona. Das Projekt hat sie im Rahmen des „Mannheimer Aktionsplans“ im CSD-Verein Rhein-Neckar gegründet. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellte dem Mannheimer Aktionsplan dafür Projektmittel zur Verfügung. Seit zwei Jahren bringt die Werkstatt mit Vorträgen lesbisch-schwule Geschichte ins Bewusstsein der Mannheimerinnen und Mannheimer.

Mit zwei Stattpunkten sind dank der Geschichtswerkstatt auch die besonderen Lebensläufe queerer Persönlichkeiten in der Stadt präsent. Die Stattpunkte sind Stelen aus Beton, die quer über die Stadt verteilt Mannheimer Geschichte erzählen. Eine davon ist Napoleon Seyfarth gewidmet. Der gebürtige Ludwigshafener hat von 1951 bis 2000 gelebt. In den siebziger Jahren hat er die Schwule Aktion Mannheim (Sch.a.m.) gegründet. Seyfarth hat für die Abschaffung des Paragrafen 175 gekämpft. Dieser hatte praktizierte männliche Homosexualität nach 1945 bis 1969 kriminalisiert.

Die Geschichtswerkstatt steht exemplarisch für Scheidles Arbeit: Ihr emsiges Stöbern in verschiedenen Archiven finanziert sie über Projektmittel. Diese muss sie immer wieder Projekt für Projekt bei verschiedenen Ministerien beantragen. Trotzdem macht sie unermüdlich weiter. Sie pendelt zeitweise die mehr als 600 Kilometer zwischen Berlin und Mannheim hin und her, macht mehrwöchige Archivreisen, hält Vorträge.

Scheidle hat an der Universität Heidelberg Geschichte und Evangelische Theologie studiert. Seit 1994 leitet sie Führungen zur Frauengeschichte in Heidelberg. Dazu sind Führungen zur Lesbengeschichte Heidelbergs gekommen, wofür sie der Verein Lesbenring gewann, der sich mit feministischer Grundhaltung für mehr Rechte von Lesben einsetzt. Die erste Lesbengeschichtsführung dürfte in der badischen Gelehrtenstadt in Erinnerung geblieben sein: „Ich bin mit einer langen Reihe von Frauen durch die Heidelberger Altstadt gezogen. Vorne ein rosa Luftballon, hinten ein rosa Luftballon. Auf denen stand Queer Feminism drauf!“, erinnert sich Scheidle.

In Mannheim bietet sie mittlerweile lesbisch-schwule Stadtrundgänge an. Anlässlich des Mannheimer Stadtjubiläums 2007 hatte die Psychologische Beratungsstelle für Lesben und Schwule (PLUS) bei Scheidle angefragt, ob sie nicht einen solchen Rundgang konzipieren könnte. Scheidle sagte zu, recherchierte in Archiven in Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart. Sie fuhr nach Berlin, stöberte im Lesbenarchiv Spinnboden und im Archiv des Schwulen Museums Berlin. Scheidle hat Unmengen an Material gefunden und daraus einen Stadtrundgang zusammengestellt. Er wird jedes Jahr während des Christopher Street Day und auch von der Tourist Information angeboten. Das nächste Mal „Queer in the city“ heißt es am 27. Oktober. Ilona Scheidle wird dann ein bis zwei Stunden sprechen. Mit all ihrem Wissen wird sie sich dabei sehr beschränken müssen.
Treffpunkt für den lesbisch-schwulen Stadtrundgang „Queer in the city“ am 27. Oktober ist der Frauenbuchladen Xanthippe in T 3, 4. Karten sind über das Stadtmarketing Mannheim erhältlich. Tel: 0621/293-8700. Zu Napoleon Seyfarth gibt es ab 23. Oktober eine Ausstellung in der Abendakademie Mannheim.


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