Juliana Keppler

Freie Journalistin

Weltenbrand am Theater der Jugend in München

Gelb-grünes Licht beleuchtet den kreisförmigen Zuschauerraum der Schauburg. Es flackert unheimlich. Das Licht ist so gelb-grün wie das Giftgas, das die Deutschen im Ersten Weltkrieg einsetzten. Der Erfinder des Gases, Fritz Haber, war im Schützengraben anwesend als es zum Einsatz kam. Zusammen mit seinem Assistenten Hugo Stolzenberg drehte er an den Gashähnen der 6000 Gaszylinder, die dort vergraben waren. Tausende der gegnerischen Soldaten fanden dabei einen grausamen Tod.

Das Theaterstück wirkt durch einen pausenlosen Dialog zwischen den Charakteren. So kommen Fritz Haber und Hugo Stolzenberg selbst zu Wort, ebenso Stolzenbergs Ehefrau. Clara Immerwahrs Fotografie (die Frau von Fritz Haber) wird via Beamer dazu geholt. Sie bleibt stumm. Zeitzeugenberichte über den Giftgaseinsatz spielen eine wichtige Rolle. Beispielsweise wirkte das Gas beim ersten Einsatz erst wie Nebel. Erst später verwandelte es sich in grün-gelbe Schwaden. Französische Soldaten übergaben sich, husteten Blut, brachen mit aufgerissener Uniform sterbend zusammen.

In dem Stück von Tobias Gonsburg und Daphne Ebner geht es um Giftgas als Massenvernichtungswaffe. Gonsburg führte Regie, Ebner war für die Dramaturgie zuständig. 

Das Stück ist eine Reise durch das 20. und 21. Jahrhundert. Giftgas veränderte Kriege in dieser Epoche. Außerdem ziehen sich Fragen durch das Stück. Eine lautet. Wo ist der Krieg hin? Was ist die Geschichte des modernen Krieges? Warum hat sich die Ehefrau Fritz Habers, Clara Immerwahr, umgebracht? Und: Wo ist das Giftgas hin?

Die weißen Tuch-Wände in der Schauburg färben sich mit orangem Licht. Das Gas erreicht die nächste Station. Es wurde von Hugo Stolzenberg nach dem Ersten Weltkrieg nicht zerstört wie im Versailler Vertrag in Artikel 27 gefordert. Habers Assistent verkaufte es an die spanischen Krone. Die Spanier setzten es in den Zwanziger Jahren gegen die aufständischen Berber und die Zivilbevölkerung  im Riffgebirge in Marokko ein. Stolzenberg entwickelte das Gas dafür weiter. Er hatte die Idee, es mit Flugzeugen über dem unwegsamen Gebirge ausbringen zu lassen. Das Gas veränderte in der Luft seinen Aggregatzustand und ging als Regen nieder. Die Gegend des Riffgebirges wurde verseucht. Krebs gehört noch heute zur häufigsten Todesursache dort. Eine Spätfolge des Giftgaseinsatzes.  

Weitere Fragen, mit denen sich Weltenbrand beschäftigt, sind: Was darf Wissenschaft? Hatte Haber „gute“ Motive? Oder war er der kalte Wissenschaftler, der den Tod Tausender von Soldaten in Kauf nahm? Vermutlich ist beides wahr. Habers Leitspruch war. „Im Frieden für die Menschheit, im Krieg für das Vaterland.“ Hugo Stolzenberg und seine Frau dagegen leiteten Geldgier und Nationalismus. Gegen Ende des Dramas färben sich die Wände des Theaters blau-lila. Der Giftgaseinsatz in Syrien im August 2013 ist jetzt das Thema. Beklemmung ergreift den Zuschauer angesichts der Aktualität.

Das Stück erreicht mit wenigen Mitteln extrem viel. Es geht um die Zeitlosigkeit von Krieg und der modernen Massenvernichtungswaffe Giftgas. Die fünf Schauspieler Regina Speiseder, Lucca Züchner, Dan Glazer, Taison Heiß, Thorsren Krohn und Peter Wolter spielen sowohl die historisch Handelnden als auch die reflektierenden Beobachter. Diese sind der Pazifist, der Romantiker, der Pragmatiker, der Realist und der Ästhet. Alle spielen souverän und mit großem Ausdrucksvermögen. Ein Stück das man gesehen haben sollte.


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