Juliana Keppler

Freie Journalistin

Koranschule – Erkundigungen im muslimischen Mannheim am Nationaltheater Mannheim

Etwas anders als gewohnt begann der Theaterabend am 7. Mai 2012: Auf dem Theatervorplatz bekam der Besucher ein Namensschild mit einem arabischen Namen überreicht. Dann wurde er in ein Taxi gebeten: „Wir fahren Sie jetzt zum ersten Spielort!“. Im Nu war der Zuschauer im Jungbusch angekommen. Das ist der Stadtteil Mannheims mit dem höchsten Anteil an Mitbürgern mit Migrationshintergrund. In 13 „Lektionen“ und wechselnden Spielorten wurden die Zuschauer in den folgenden drei Stunden in muslimischer Religiosität unterwiesen.

Die Zuschauer betraten einen Hinterhof. Dort rollte ein Mann einen violetten Gebetsteppich auf dem Betonboden aus. Es war kühl. Mit einer Kanne Wasser begann er die rituellen Waschungen an Kopf, Mund, Armen, Händen und Füßen. Jeder gläubige Muslim führt sie vor dem Gebet durch um äußerlich und innerlich ganz rein zu sein. Dann tönte eine Stimme aus einem Lautsprecher. Sie erzählte von den vielen stillen Dramen, die sich in den letzten 50 Jahren in den türkischen Familien in Mannheim abgespielt haben. Viele Männer waren ihren Familien vorausgereist um in Deutschland zu arbeiten.

In Deutschland wurden sie indes an der Einsamkeit krank. In der Folge vergaßen sie ihre Familien in der Türkei. Auch von Familien in der Türkei war die Rede, die ihre Männer in Deutschland vergaßen. Ein Mann, der vom vielen alltäglichen Rassismus in der deutschen Bevölkerung psychisch krank wurde und im Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) landete, kam zu Wort.

Nach einem Besuch der Moschee wanderten die Zuschauer weiter. Die nächste Szene spielte in einem Friseursalon: Auf dem Friseurstuhl saß die Darstellerin einer muslimischen Frau „Ich bin es leid, mir von irgendeiner Dorothee, die sich jetzt Aischa nennt, sagen zu lassen, dass ich keinen Alkohol trinken darf!“, regte sie sich auf, „ich trink’ meinen Wein!“ Damit spielte sie auf die wohl oft besserwisserische Haltung deutscher Konvertitinnen an.

Die letzte Szene spielte auf dem Theaterplatz vor dem Nationaltheater. Bunte Gebetsteppiche waren auf nummerierten Teppichfeldern ausgelegt. Die Zuschauer wurden eingeladen an einem muslimischen Gebet teilzunehmen und sich auf dem Teppich niederzuwerfen. Die Anleitungen gab der Vorbeter der Mannheimer Moschee, Bektas Cezik.

Das Theaterstück fand in Kooperation mit der Yavuz Sultan Selim Moscheeund dem Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog statt. Die beiden Regisseurinnen Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder und die Dramaturgen Stefanie Gottfried und Jan-Philipp Possmann interviewten viele gläubige muslimische Bürger über ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Religiosität in Deutschland. Die Schauspieler Michaela Klamminger, Martin Aselmann und Klaus Rodewald setzten die Charaktere glaubhaft um.

Dieses sehenswerte Stück kann insbesondere der jungen Generation neue Einblicke in eine andere Kultur und Religion eröffnen.


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